Jahressymposium Gesundheit in der Arbeitswelt 4.0 am 18. September 2019

Zum Jahressymposium am 18. September wurden Erkenntnisse zu Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0 aus der Arbeit mit 21 Projektunternehmen präsentiert. Ziel ist es, Maßnahmen für ein zukunftsfähiges Betriebliches Gesundheitsmanagement abzuleiten und zu erproben.

 

Facetten der Arbeitswelt 4.0

Die Arbeitswelt 4.0 bedeutet für Beschäftigte Veränderungen am Arbeitsplatz, in der Arbeitsumgebung, von Arbeitsprozessen sowie Arbeitsmitteln. „Beschäftigte betrachten diese Entwicklungen überwiegend als natürlichen Fortschritt und Chance – aber auch als Auslöser gesundheitlicher Probleme“, so Anouschka Gronau, Leiterin des Innovationsprojekts. Die AOK Niedersachsen arbeitet mit 21 Projektunternehmen in verschiedenen Facetten der Arbeitswelt 4.0 zusammen. Die Arbeitssituation der Beschäftigten ist geprägt durch kontinuierliche technische und inhaltliche Weiterentwicklungen, zunehmende Automatisierung und Standardisierung von Büro- und Produktionsprozessen, dezentrales und internationales Arbeiten, vermehrte digitale Kommunikation sowie zunehmende Projektarbeit.

 

Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0

Auch wenn Entwicklungen in verschiedenen Betrieben und Berufsgruppen unterschiedliche Ausprägungen haben, sind Unternehmen dennoch branchenübergreifend vor ähnliche Herausforderungen gestellt. Durch die Identifizierung dieser und den damit einhergehenden Wirkungen auf Wohlbefinden und Gesundheit, lassen sich Gestaltungsaufgaben zur Reduzierung von Belastungen und zur Förderung von Ressourcen formulieren. Herausforderungen, die die AOK Niedersachsen im Rahmen des Projekts identifiziert hat, zeigen sich in folgenden Bereichen:

  • Prozesse und Systeme

    Durch das Engagement von Unternehmen, die Technik auf dem neusten Stand zu halten, kommt es in der Praxis für Beschäftigte zu einer wachsenden Zahl an Systemen. Aktualisierungen und Neueinführungen führen oftmals zu Schnittstellenproblematiken, die in Folge manuell zu überbrücken sind. Überdies bilden digitale Neueinführungen die operative Tätigkeit der Beschäftigten nicht immer ausreichend ab. Die unzureichend funktions- und leistungsfähigen Systeme führen dazu, dass Beschäftigte eigene Workarounds und Insellösungen schaffen. Arbeitsunterbrechungen und Mehrarbeit sind die Folge. Dies führt bei Beschäftigten zu verstärktem Stressempfinden und einer geringen Akzeptanz für die digitalen Systeme und Prozesse.

  • Beteiligung und Gestaltung

    Für Beschäftigte erhöht sich in der Arbeitswelt 4.0 die Komplexität und Menge von Aufgaben. Unzureichende Beteiligung der Beschäftigten in der Planung neuer Aufgaben sowie eine fehlende Transparenz über Neuerungen und Strategien im Unternehmen führen zu Unzufriedenheit und Motivationsverlust. Insbesondere in der Projektarbeit erschweren unrealistische Zeitvorgaben die Möglichkeiten der eigenständigen Priorisierung des Arbeitsprozesses. Aus Sicht der Beschäftigten ließe sich dies durch eine frühzeitige Einbindung in die Planung anstehender Projekte sowie durch einen Austausch zu laufenden Aufgaben verbessern. Die Notwendigkeit prozessorientierte Beteiligungsräume zu schaffen, nimmt, einhergehend mit der dynamischen Entwicklung von Arbeitsbedingungen und -anforderungen, branchenübergreifend zu.  

     

    Das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) e.V. bestätigt die Erkenntnisse der AOK Niedersachsen aus wissenschaftlicher Perspektive und betont die Beteiligung von Beschäftigten als zentralen Aspekt zur gesunden Gestaltung der Arbeitswelt 4.0. Nicht die Technologien, sondern die Beschäftigten sind der wichtigste Baustein für erfolgreiche Digitalisierung. Um die Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0 für alle Seiten gewinnbringend zu gestalten, bedarf es einer entscheidenden proaktiv-gestaltenden Haltung der Unternehmen. „Beteiligung von Beschäftigten bei der Gestaltung neuer digitaler Arbeitsmittel und -formen ist der einfache und doch zu selten genutzte Schlüssel für mehr Leistungsfähigkeit der Systeme und Zufriedenheit auf Arbeitnehmerseite“, so Dr. Martin Kuhlmann, vom SOFI. Weitere Informationen zur unabhängigen wissenschaftlichen Begleitung des AOK Projekts durch das SOFI finden Sie hier.

  • (Digitale) Kommunikation und Information

    Digitale Informations- und Kommunikationsmedien ermöglichen die Flexibilisierung von Arbeit. Dabei stellen E-Mails das bevorzugte Kommunikationsmedium dar. Durch inadäquate Nutzung dieses und weiterer Kommunikationsmedien sowie die in Unternehmen oft verbreitete „cc-Mentalität“ schildern Beschäftigte das Gefühl der Informationsflut. Beschäftigte berichten von einer kaum zu bewältigenden Anzahl an E-Mails und Informationen, die sich durch unzureichende Vertretungsregelungen zuspitzt. Darüber hinaus zeigt die Praxis, dass die persönliche Kommunikation dem digitalen Weg zusehends weicht. Beschäftigte schildern die Abnahme des sozialen Miteinanders und der kollegialen Unterstützung. In der Praxis sowohl bei zentral, als auch dezentral arbeitenden Teams.

  • Beruf und Privatleben

    Die zunehmende Vermischung von Beruf und Privatleben stellt eine Herausforderung der Arbeitswelt 4.0 dar. Sind Rahmenbedingungen und Erwartungshaltungen zur Erreichbarkeit durch die Führungskraft klar formuliert, zeigt die Praxis eine verbesserte Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben. Die Arbeitnehmerzufriedenheit steigt. Ist dies nicht der Fall, fühlen sich Beschäftigte oftmals unsicher. Diese Unsicherheit resultiert daraus, dass nicht klar ist, wie Beschäftigte, auch in Feierabend- und Urlaubszeiten, für den Arbeitgeber erreichbar sein sollen. Es kommt zu einem „selbst auferlegten“ und dennoch fremdbestimmten Zustand der Entgrenzung. Die Folgen sind reduzierte Erholungszeiten sowie Einschränkungen im Privat- und Familienleben.

  • Neue Rolle Führung

    Führungskräfte sind vermehrt in Projekte eingebunden und schildern eine Zunahme an Komplexität und Menge der Anforderungen. Die Zeit für direkte Führungsaufgaben und den persönlichen Austausch mit Beschäftigten ist dadurch reduziert. Dementsprechend schildern Führungskräfte, dass sie sowohl den fachlichen und strategischen Anforderungen, als auch ihrer Führungsverantwortung im Tagesgeschäft nicht ausreichend gerecht werden. Dies führt zu einer „zweiseitigen“ Zunahme an Zeitdruck und Stressempfinden. Darüber hinaus bestehen bei Führungskräften Unsicherheiten in der Gestaltung von Veränderungsprozessen, der Mitnahme von Beschäftigten und im Umgang mit psychisch belasteten Beschäftigten. Das Führen auf Distanz stellt Führungskräfte zudem vor die Herausforderung, Beschäftigten hinsichtlich Informationsfluss, Feedback und Fürsorgepflicht gerecht zu werden.

Gestaltungsaufgaben

Aus den identifizierten Herausforderungen ergeben sich drei zentrale Gestaltungsaufgaben für Unternehmen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement.

  • Rahmenbedingungen gesund gestalten

    Die Herausforderungen der betrieblichen Praxis zeigen, dass nicht allein die Technik Einfluss auf Leistungsfähigkeit und Gesundheit von Beschäftigten in der Arbeitswelt 4.0 hat. Entscheidend ist die Gestaltung neuer Prozesse und Arbeitsformen. Körperliche und psychische Gesundheit in Veränderungsprozessen von Anfang an mitzudenken und die letztendlichen Nutzer der Neuerungen zu beteiligen, sind zentrale Erfolgsfaktoren. So können Risiken frühzeitig identifiziert und Potentiale neuer Systeme und Prozesse optimiert werden. Relevante Akteure, unter anderem Personalentwicklung, Unternehmensstrategie, IT, Betriebs- bzw. Personalrat und Führungskräfte, zu vernetzen, ermöglicht einen ganzheitlichen Prozess und gesunde Arbeit.

  • Gesunde Führung stärken

    Führungskräfte haben zentralen Einfluss auf Wohlbefinden und Gesundheit am Arbeitsplatz. Zum einen durch die Gestaltung gesundheitsförderlicher Rahmenbedingungen. Zum anderen durch die Übertragung des eigenen Stresserlebens auf Beschäftigte. Auf Basis der Herausforderungen in der Praxis sind auf Führungsebene zukünftig vermehrt Stressbewältigungskompetenzen zu stärken sowie Sicherheit im Führen in Veränderungsprozessen, im Führen auf Distanz und im Umgang mit psychisch belasteten Beschäftigten zu vermitteln.

  • Ressourcen und Stressbewältigungskompetenzen stärken

    Die Herausforderungen, die die Arbeitswelt 4.0 für Beschäftigte mit sich bringt, erfordern die Stärkung persönlicher Ressourcen und Stressbewältigungskompetenzen. Zum einen sind individuelle Stressoren zu identifizieren. Zum anderen sind Strategien zur Stressbewältigung zu erarbeiten und individuelle Ressourcen zu fördern. Der Raum für individuelle Reflexion sowie der Transfer des Erlernten in die Praxis sind dabei wichtige Erfolgsfaktoren.

Getting back to human

Silvia Hernandez, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, bestätigt die Relevanz des Menschen im Mittelpunkt von Veränderungen. Arbeit hat sich bereits in den letzten Jahren stark gewandelt und wird sich auch in Zukunft weiterentwickeln. Digitalisierung wird Beschäftigte an ihren Arbeitsplätzen unterstützen. Zudem schafft die Digitalisierung in Zukunft zahlreiche neue Stellen, die Kreativität und ein gewinnbringendes Zusammenspiel mit der Technik beinhalten. Der Erfolg von Digitalisierungsstrategien hängt jedoch maßgeblich von der Mitnahme der Beschäftigten ab. Unternehmen, die den Grundsatz „Getting back to human“ leben, haben zufriedenere Mitarbeiter und sind gewappnet für die Entwicklungen der Arbeitswelt 4.0, so Hernandez.

 

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