Home-Office – Zwei Seiten der Medaille

Home-Office* gehört in einigen Unternehmen bereits lange zum Alltag. In vielen Betrieben wurde ortsflexibles Arbeiten jedoch bisher zaghaft betrachtet. Untersuchungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen, dass nur 12 Prozent der Beschäftigten in Deutschland tatsächlich die Möglichkeit haben, überwiegend oder gelegentlich von zu Hause zu arbeiten. Gleichzeitig ist dies bei 42 Prozent der Arbeitsplätze theoretisch umsetzbar. In den meisten Fällen würden Mitarbeitende die Möglichkeit des Home-Offices in Anspruch nehmen, wenn es seitens des Arbeitgebers zugelassen wäre. Die Politik fordert hier einen Schritt nach vorne und diskutierte zuletzt Anfang 2019 ein „Recht auf Home-Office“.

Bei den von vielen Beschäftigten gewünschten und politisch angestrebten Entwicklungen ist der Einfluss von ortsflexibler Arbeit auf die Gesundheit zu berücksichtigen. Erkenntnisse zeigen, dass das Arbeiten im Home-Office oder auch die mobile Arbeit sowohl Chancen, als auch Risiken für die Gesundheit mit sich bringen. Das bestätigt auch die praktische Arbeit im Projekt „Gesundheit in der Arbeitswelt 4.0“ der AOK Niedersachsen.

Chancen

Die Möglichkeit, bei Bedarf von zu Hause arbeiten zu können, führt laut aktueller Studienlage bei Beschäftigten zu einer höheren Zufriedenheit. Das Projekt der AOK Niedersachsen liefert Erkenntnisse aus der betrieblichen Praxis dazu, mit welchen Faktoren die Arbeit im Home-Office zum Mehrwert wird.

Die Arbeit von zu Hause wird insbesondere hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben positiv bewertet. Beschäftigte können private Angelegenheiten besser in den Arbeitsalltag integrieren. So ist beispielsweise der Urlaubstag bei Handwerker- oder Arztterminen kein „Muss“. Des Weiteren geben Beschäftigte an, dass Home-Office ihnen ermögliche, den Wohnort und somit Lebensmittelpunkt, der sich nicht in unmittelbarer Nähe zum Arbeitsort befindet, beizubehalten, oder diesen unabhängig vom Dienstort zu wählen.

Darüber hinaus liegen Erkenntnisse vor, dass Beschäftigte außerhalb des betrieblichen Arbeitsplatzes konzentrierter arbeiten können. Sie bewältigen mehr Arbeit in gleicher Zeit und sind produktiver. Mitarbeitende aus Projektunternehmen bestätigen, dass sie zu Hause sowohl fokussierter, als auch kreativer arbeiten können. Dies wird unter anderem durch eine ruhigere Arbeitsumgebung begründet. Positiv wird in diesem Zuge auch die Möglichkeit, Arbeit selbstbestimmt einzuteilen, bewertet. Durch das entgegengebrachte Vertrauen des Arbeitgebers sei die Motivation, zuhause gute Arbeitsergebnisse zu leisten, hoch.

Risiken

Die Medaille kann jedoch auch eine Kehrseite haben. Studien zeigen, dass Home-Office zur Vereinsamung führen kann und die Kommunikation zwischen Mitarbeitenden hemmt. Darüber hinaus kommen Untersuchungen zu dem Schluss, dass es Beschäftigten, die von zu Hause aus arbeiten, schwerer fällt, von der Arbeit abzuschalten, als denjenigen, die am Ende des Tages die Bürotür hinter sich schließen. So werden gesundheitliche Beschwerden wie Erschöpfung, Wut und Verärgerung oder Nervosität und Reizbarkeit mit der Arbeit zu Hause in Verbindung gebracht.

Projektergebnisse zeigen, dass im Home-Office arbeitende Beschäftigte sich in einen „Stand by Modus" versetzt fühlen. Dieser führe dazu, dass sie auch abends nochmal aufs Handy schauen und auf Mails reagieren. Begründet wird dieses Verhalten durch unklare Erwatungshaltungen des Unternehmens oder der Führungskraft zur Erreichbarkeit sowie zur Reaktionszeit auf Nachrichten. Dieser Zustand der Entgrenzung und Unsicherheit ist mit Stress und einer verringerten Erholungszeit verbunden.
Diese Ergebnisse zeigen, dass es relevant ist, Home-Office gesundheitsförderlich zu gestalten und Rahmenbedingungen und Erwartungshaltungen transparent zu machen. Hierbei tragen sowohl Unternehmen, Führungskräfte, als auch Beschäftigte Verantwortung.

* Zur Vereinfachung wird hier keine Differenzierung zwischen verschiedenen Arten der Heimarbeit gemacht und der Begriff „Home-Office“ genutzt.

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Weiterführende Literatur

Bloom et al., (2015). Does working from home work? Evidence from a Chinese experiment. The Quarterly Journal of Economics. 130(1), 165–218.

Brenke, (2016). Homeoffice: Möglichkeiten werden bei weitem nicht ausgeschöpft, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e. V.. Berlin.

Grunau et al., (2019). IAB Kurzbericht, Mobile Arbeitsformen aus Sicht von Betrieben und Beschäftigten - Homeoffice bietet Vorteile, hat aber auch Tücken.

Lott, (2017). Wahrscheinlichkeit, abends von der Arbeit nicht abschalten zu können, mit und ohne Homeoffice, Selbstorientiertes Arbeiten als Ressource für Beschäftigte nutzen.

Waltersbacher, Maisuradze & Schröder, (2019). Arbeitszeit und Arbeitsort – (wie viel) Flexibilität ist gesund? In: Badura et al. (Hrsg), Fehlzeiten-Report 2019: Digitalisierung – gesundes Arbeiten ermöglichen. Springer. Berlin.